Woher stammt das rege Interesse an Lost Places in Deutschland?

Lost Places Trend

Verlassen Orte zu erkunden wird hierzulande immer beliebter. Inzwischen handelt es sich schon um ein Hobby, das der breiten Bevölkerung etwas sagt. Allerdings war es kein Deutscher, der den Trend ins Leben rief. Wie so viele andere Hobbys auch stammt das Urban Exploring aus den Vereinigten Staaten. Dort liegt der Ursprung der Bewegung schon einige Jahrzehnte zurück.

Genauer gesagt waren es junge Erwachsene, die sich in den 1970er-Jahren in ihrer Freizeit verabredeten, um Brücken oder Hochhäuser zu erklimmen. Mit der Zeit weckten aber auch Katakomben, U-Bahn-Tunnel und verlassene Häuser das Interesse der Schüler und Studenten. Der Grundstein zum Urban Exploring, also dem Besuchen und Inspizieren von verlassen Orten war gelegt.

Damit die Lost Place Fans ihre Touren beweisen und auch für die Nachwelt festhalten konnten, fingen sie mit der Fotodokumentation der Objekte an. Die Zahl der Urban Explorer stieg aber erst dann rasant an, als die einstige Vorzeigestadt Detroit immer mehr verkam. Es entstanden zahlreiche Gebäude deren Verfall man einfach auf Foto verewigen musste. Heute ist Detroit vor allem für 3 Dinge bekannt: Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität.

Aber auch andere Städte in den USA fachten den Trend immer mehr an. In den großen Metropolen Chicago, San Francisco und New York existiert nämlich ein großes Netz an Tunneln, Katakomben und anderen unterirdischen Bauwerken. Immer mehr junge Leute entdecken, dass sie sich dort so richtig austoben konnten. Man spricht heute daher auch oft von Abenteuerspielplätzen für große Kinder.

Wie schwappte der Trend nach Europa?

Lost Places Geschichte

Bis man in Europa auf den Geschmack von Urban Exploring kam, vergingen mehrere Jahrzehnte. Erst kam der Trend nach Russland und Australien. Dort erkundeten die Lost Place Fans hauptsächlich die Unterwelt von Großstädten und besuchten zahlreiche nicht mehr genutzte Militärstützpunkte.

Ende der 1990er-Jahre hörte man auch in Deutschland vom neuen Hobby. In Berlin wurde dann im Jahr 19997 der Verein „Berliner Unterwelten“ gegründet. Wie der Name schon verrät, ging es um das Bestreifen und Dokumentieren des Berliner Untergrunds.

Der Mainstream springt auf den Zug auf:

Allerdings vergingen noch ein paar Jahre, bis sich im trägen Deutschland eine Fangemeinde rund um die Lost Places bildete. Zwischen 2004 und 2011 entstanden zahlreiche Webseiten, Foren und Online-Projekte rund um die vergessenen Orte. Dabei konnte man beobachten, dass hierzulande mehr Wert auf spektakuläre Bilder als die Lost Places an sich gelegt wird.

Den Reiz macht für jeden also nicht das Verbotene oder das Interesse an Unbekanntem aus. Viele Szeneangehörige sind begeisterte Hobbyfotografen und haben großen Spaß daran die Geschichte der Objekte zu dokumentieren. Daher entstanden über die Jahre unzählige Bildbände und Dokumentation über die jeweiligen Objete.

Auf der Suche nach immer neuen Fotomotiven wurde das Spektrum an Objekten immer größer. Katakomben, Tunnel und Militäranlagen genügten den Fotografen nicht mehr. Immer öfter wurden verlassene Villen, Herrenhäuser, Krankenhäuser, Industrieanlagen und Sanatorien erkundet und toll in Szene gesetzt.

Anfangs versuchte man mit den Bildern noch die Atmosphäre einzufangen. Inzwischen wird aber auch viel in Photoshop, Lightroom und Luminar getrickst. Viele der Orte schauen in Wirklichkeit etwas anders aus und längst nicht jeder dramatische Sonnenuntergang entspricht der Wirklichkeit. Man muss heute gerade bei Fotos etwas skeptisch sein.

Dieser Trend zu einer immer stärkeren Bildmanipulation ist den sozialen Netzwerken geschuldet. Jeder möchte dort nämlich möglichst viel Aufmerksamkeit generieren. Daher wird das Format Video seit 2010 immer beliebter. Es ist leichter zu konsumieren, lässt den Zuschauer noch tiefer in den Lost Place und dessen Geschichte eintauchen.

Der Gruselfaktor rückt in den Vordergrund:

Lost Places Die Szene verändert sich

Leider haben es sich viele bekannte Urbexer zur Aufgabe gemacht möglichst dramatische Geschichten und Mutmaßungen in ihre Videos einzubauen. Außerdem wird der Respekt vor fremder Leute Eigentum immer geringer. Es werden Souvenirs mitgenommen, verschlossene Türen aufgebrochen und es kommt immer öfter zu Vandalismus.

Zum Glück handelt nur ein klitzekleiner Teil der Lost Place Fans so. Allerdings werden heutzutage ganze Objektlisten bei einer Tour abgearbeitet. Zudem wird das Fotoequipment ständig vergrößert und fast jeder ambitionierte Lost Placer hat heute eine Videodrohne dabei. Immer mehr Artikel und Videos der Szenegrößen drehen sich zudem um die optimale Foto- und Videoausrüstung.

Daran erkennt man auch ganz gut, dass sich die Community weiterentwickelt hat. Die Gebäude und vor allem deren Historie rückt immer mehr in den Hintergrund. Ziel der Besuche ist heute das Anfertigen der spektakulärsten Bilder für Instagram und den atemberaubendsten Videos für YouTube.

Im Folgenden findest du eine kleine Auswahl empfehlenswerten YouTube-Channels:

Gut zu wissen:
Bevor der Siegeszug der Videos in Deutschland begann, gab es zig Webseiten. Man denke nur wehmütig an „Forbidden Places“, „Subterranea Britannica“ und „28DaysLater“ zurück. Inzwischen existieren nur noch wenige private Homepages und Foren. Nicht zuletzt, da der Austausch unter Gleichgesinnten heute in Facebookgruppen stattfindet.

Unser Fazit:

Über die Jahrzehnte hat sich die Szene stark gewandelt. Ging es anfangs noch um das bloße Erkunden von Tunnelsystemen und anderen geheimnisvollen Orten, steht heute die Foto- und Videografie im Mittelpunkt. Immer mehr Hobbyfotografen entdecken den Reiz der verlorenen Orte. Heute spricht man in diesem Zusammenhang oft von der Ruinen-Fotografie.

Da immer mehr Menschen Interesse an den Lost Places haben, gibt es an bekannten Locations regelrechte Völkerwanderungen zu beobachten. Leider geht dabei der Respekt vor den Örtlichkeiten verloren. Immer öfter bekommt man grundlosen Vandalismus, auf dem Boden verteilte Habseligkeiten und aufgebrochene Zimmertüren zu sehen.

In den nächsten Jahren wird sich zeigen, wohin die Reise in puncto Lost Places geht. Man kann auf alle Fälle gespannt sein. Derzeit schaut es so aus, als ob die Objekte immer mehr zu einer Massenattraktion verkommen. Nicht zuletzt aufgrund der steigenden Anzahl an Videos und Fotos im Netz. Zudem wird es immer leichter dank Google Earth und Street View Lost Places aufzuspüren.